Kabeho! – Sie sollen leben

Unser neuestes Projekt in Higiro widmet sich der Zielgruppe behinderter Kinder. Die Schwestern und Brüder einer jungen Ordensgemeinschaft arbeiten in dieser abgelegenen Pfarrei ohne alltägliche Infrastruktur, unmittelbar an der Grenze zu Burundi. Die meisten Familien mit behinderten Kindern haben hier kaum oder keinen Zugang zu medizinischer oder therapeutischer Unterstützung.

Für dieses Projekt haben wir zunächst den Kontakt mit der jungen Ordens­gemeinschaft ‚Die unschuldigen Kinder von Betlehem‘ in Higiro aufgenommen. Die Schwestern und Brüder in dieser fernab jeglicher Infra­struktur liegenden Pfarrei halfen uns dabei, eine erste Bestands­aufnahme zu machen, damit wir hier von Deutschland aus einen Über­blick bekommen, wieviele behinderte Kinder hier leben. In einer ersten Erhebung ist die Kommunität auf ca. 60 Kinder gestoßen. Erste gemeinsame Treffen und Zusammen­künfte der betroffenen Familien wurden von den Schwestern und Brüder des Ordens im Januar und Februar 2017 organisiert, um diese auf ein Treffen mit uns vor­zubereiten.

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Im März 2017 trafen Pastor Mirco Quint und Johannes Küpperfahrenberg im Rahmen ihrer diesjährigen Ruanda-Reise dann auf mehr als 140 Familien, die mit ihren behinderten Kindern zu dem organisierten Treffen in Higiro gekommen waren. Allein diese Tatsache bewegte uns sehr, denn man muss folgendes bedenken: Behinderte Kinder werden in Ruanda aus Scham meist versteckt. Bei dem Treffen mit uns haben sich viele Familien erstmalig in ihrem Leben zu ihren behinderten Kindern bekannt und diese mitgebracht. Von vielen Kindern dachte man bis zu diesem Zeitpunkt, sie seien bereits gestorben.

Die betroffenen Familien haben nie über ihre Sorgen bezüglich ihrer behinderten Kinder sprechen können. Sie sind alleine gelassen, haben keinen Zugang zu medizinischer oder therapeutischer Unterstützung. Einige Kinder sind schwerst behindert und bedürfen zunächst einer ausführlichen Anamnese, denn die meisten sind in ihrem Leben noch nie medizinisch begutachtet worden. Es gibt  aber auch „leichtere“ Fälle. Vielen Kindern könnte verhältnismäßig einfach geholfen werden: Zum Beispiel könnte einem Jungen ein ausgewachsener Grützbeutel am Hinterkopf operativ entfernt werden. Eine „leichte“ Operation mit dem Erfolg: Ein Leben ohne körperliche Behinderung. Die Familien, denen Pastor Quint und Jo Küpperfahrenberg begegnet sind, haben zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt, dass sich jemand für ihre Sorgen interessiert und ihnen zuhört. Allein dieses Treffen hat ihnen – so sagen sie – eine Würde gegeben. Wie einfach es ist, einem Menschen einen Finger zu reichen und dadurch Würde und Ermutigung zum (Über-)Leben zu geben.

Bereits jetzt ein schöner Erfolg: Da die betroffenen Familien bislang nicht voneinander wussten (manchmal sogar Nachbarn), erkennen sie nun, dass es anderen ähnlich geht und dass sie nicht alleine sind. So haben sie nun die Chance, sich untereinander zu vernetzen und zu helfen. So konnten die Mütter der behinderten Kinder bislang nicht zur Arbeit aufs Feld gehen, da ihre Kinder natürlich intensiv betreut werden müssen. Mit anderen Müttern können sie sich nun in der Betreuung abwechseln.

Aktuell erörtern wir gemeinsam im Vorstand der Afrika-Hilfe-Stiftung, wie wir den betroffenen Familien konkret helfen können. Dazu sind weitere Erhebungen notwendig, für die wir mit den Schwestern und Brüdern des Ordens eng zusammenarbeiten. Wie bekommen wir einen qualifizierten Arzt nach Higiro, um die Kinder zu untersuchen? Welche Behinderungen sind es genau, an denen die Kinder leiden? Kann man ihnen – so wie bei dem kleinen Jungen mit dem Grützbeutel – verhältnismäßig „einfach“ und schnell helfen, z.B. durch eine leichte Operation? Wie lässt sich diese organisieren? Werden Rollstühle benötigt? In welcher Anzahl? usw.

An dieser Stelle halten wir Sie weiterhin in regelmäßigen Abständen auf dem Laufenden, was den Fortgang unseres Projektes in Higiro angeht.

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Im Rahmen der Ruanda-Reise Anfang 2018 besuchten Johannes Küpperfahrenberg und Pastor Mirco Quint natürlich auch die behinderten Kinder und ihre Familien in Higiro. Bruder Domitien gehört zum Orden der unschuldigen Kinder von Betlehem – er leitet unser neues Projekt hier vor Ort. 142 Kinder werden unseren beiden Vorstandsmitgliedern vorgestellt, jeweils in Gruppen der einzelnen Behinderungen: leicht geistig, schwer geistig, körperlich sowie mehrfach Behinderte, Taubstumme, Kinder, die an Epilepsie leiden und Kinder mit Hydrozephalus (Wasserkopf). Sie alle sind mit ihren Eltern lange unterwegs gewesen, um an der Versammlung teilnehmen zu können. Sie und ihre Eltern sind erschöpft, aber mittlerweile sind in den Gesichtern der Eltern Freude und Lebensmut, ein Hauch von Hoffnung zu erkennen – vor allem aber Stolz ist zu spüren.

Jean Bosco, der Vater eines mehrfach behinderten Kindes, ergreift im Laufe des Treffens das Wort: „Ich bin so froh, dass ihr heute wieder hier seid. Jeden Tag danke ich Gott dafür, dass er euch und die Schwestern und Brüder (des Ordens) zu uns geschickt hat. Vor einem Jahr habe ich mich für mein eigenes Kind geschämt, ich habe es versteckt, selbst meine Nachbarn wussten nicht, dass es noch lebt. Die Treffen und die Begleitung durch die Schwestern und Brüder sowie die regelmäßigen Treffen mit den anderen Familien gaben mir Kraft. Wir alle haben gemeinsam gelernt, dass unsere Kinder ein Geschenk Gottes sind. Unsere Kinder stehen im Mittelpunkt eines großen Projekts und einer riesigen Aufmerksamkeit in unserem Dorf. Das hätten wir nie gedacht. Heute sind wir stolz auf unsere Kinder und darauf, zu diesem Projekt zu gehören. Es gibt uns Stärke und Würde. Es gibt noch viel zu tun, und doch geht es uns heute so viel besser als noch vor einem Jahr.“

Auch Jean Paul ergreift das Wort. Er ist 15 Jahre alt und körperlich behindert – seine Füße sind um 90 Grad nach innen gebogen. „Ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für die anderen Kinder. Wir haben nie das Gefühl gehabt, schlechte Menschen zu sein nur weil wir manches nicht machen können. Für uns ist unser Leben normal. Und doch sind wir ausgestoßen von der Gesellschaft, und das tut weh. Ihr schenkt uns Freude und Hoffnung. Ihr zeigt uns, dass Gott uns in unserer Einzigartigkeit geschaffen hat.“

Der Bedarf, hier in Higiro zu helfen und Geld zu investieren ist riesengroß. Langsame Schritte sind notwendig, einer nach dem anderen. Doch beim Besuch in diesem Jahr wird eines ganz deutlich: Die wirkliche Veränderung hat bereits stattgefunden – in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit. Jede Hilfe ist uns willkommen und erreicht, da wir den Spenden keine Nebenkosten entnehmen, in voller Höhe die Projekte und Menschen, die wir in Ruanda unterstützen.