Das Projekt Hafenis in Goma/Kongo

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Das Projekt Hafenis

Im September 2011 erhielt Johannes Küpperfahrenberg eine E-Mail von Eugénie Musabyimana. Es war ein Hilferuf, der den Vorsitzenden unserer Stiftung nicht mehr losließ. Eugénie, die aus dem Kongo stammt, arbeitete als Ordensschwester jahrelang in der Krankenstation Gikore/Ruanda, die von der Afrika-Hilfe-Stiftung unterstützt wird.

Der Krieg, die Gewalt, vor allem das Leid der Frauen in ihrer Heimat stürzte Eugénie in einen tiefen Gewissenskonflikt. Ihre große Frage war: „Was kann ich für mein Volk im Kongo tun?“

Sie wollte ihren Weg im Glauben gehen, doch das Leben im Orden machte sie nicht frei von ihrer Verantwortung ihren Idealen gegenüber. Sie war durch ihr Gelübde ihrem Orden (Missionaires Thérésiennes) verpflichtet, doch gleichermaßen fühlte sie sich schuldig, ihre Freunde, die mitten im Krieg unerträglich litten (und bis heute leiden), im Stich zu lassen.Ihre Entscheidung fiel, als 2008 ihre Cousine Kadada an den Folgen einer Vergewaltigung starb. Männer hatten ihr einen Holzpflock in die Vagina gerammt, der ihre Gebärmutter zerriss.

Eugénie bat ihre Kongregation, sie gehen zu lassen. In Goma / Ostkongo gründete sie mit Hilfe ihrer Familie einen Verein, eine Anlaufstelle für vergewaltigte Mädchen und Frauen, Witwen und verlassene, behinderte und traumatisierte Kinder: Renaitre Grands Lacs/ HAFENIS (Handicapés, Femmes et Enfants en Initiative de Survie).

Im Oktober 2012 hatte Johannes Küpperfahrenberg wieder die Gelegenheit nach Ruanda zu reisen.

Sein erster Weg führte ihn über die Grenze in den Ostkongo, in die Provinzstadt Goma, mitten ins Kriegsgebiet. Die Rebellen standen 10 km vor der Stadt, die überflutet wurde von etwa 300.000 bis 400.000 Flüchtlingen. Er wollte das Centre Handicapée, das Zentrum für Behinderte besuchen, in dem Evelyne aus unserem Haus „Glaube und Licht“ betreut wird (siehe „Aktuelle Projekte“). Und natürlich wollte er Eugénies Hilferuf folgen und sich ein Bild machen von ihrer Arbeit.

Seit vier Jahren versucht HAFENIS, mit wenig Geld und einfachsten Mitteln Hilfesuchende aufzunehmen, ihnen einen ersten Beistand (Erstversorgung, Nahrung und Kleidung) zu geben und weitere medizinische und psychologische Hilfe zu vermitteln, Schulbesuch oder eine Ausbildung zu organisieren.

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Kinder, die „übrig geblieben“ sind.

Moses, der dritte von rechts lebt seit zwei Jahren mit seiner Mutter bei HAFENIS. Sie war von Uniformierten (Rebellen oder Militär) entführt und wochenlang vergewaltigt worden. Sie hat überlebt, ist jedoch völlig traumatisiert und erinnert sich nicht, dass Moses ihr Sohn ist.

Devota ist 16 Jahre alt. Sie wurde bei der Feldarbeit überfallen und vergewaltigt. Da sie schwanger wurde, hat ihre Familie sie verstoßen. Nun erhält sie bei Eugénie eine Ausbildung zur Näherin. Irgendwie müssen sie und die anderen Mädchen, die Ähnliches erlitten haben, auf eigenen Füßen stehen. Nur so haben sie eine kleine Chance, sich eine menschenwürdige Lebensperspektive zu eröffnen.

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Vergewaltigung als Waffe

Stellvertretend für so viele Frauen hat Kanyere Kahindo ihre Geschichte erzählt. Sie ist 32 Jahre alt. Vor drei Jahren wurden sie und ihr Mann in der Nähe ihrer Hütte in der Region Massisi von bewaffneten Männern (Rebellen?) überfallen. Ihr Mann wurde getötet. Sie selbst wurde gezwungen, ihre Kinder zu töten. Dann wurde sie verschleppt und monatelang in der Wildnis gefangen gehalten. Täglich wurde sie von mehreren Männern vergewaltigt. Als die Männer ihrer leid waren, banden sie die Frau zwischen zwei Bäume, füllten ihre Vagina mit Petroleum, zündeten sie an und überließen sie ihrem Schicksal. Soldaten der Monusco-Mission haben sie gefunden und nach Goma gebracht.

Die UN-Mission MONUSCO in der Demokratischen Republik Kongo ist mit 16.000 internationalen Soldaten die größte aller Friedens-Missionen der Vereinten Nationen.

So eskortieren sie auch die Landbevölkerung in der Region um Goma auf ihrem Weg im Eilmarsch von den Dörfern zum entfernt gelegenen Markt und wieder zurück.

Kanyere Kahindo verbrachte über zwei Jahre im Krankenhaus, wo man mit den hier zur Verfügung stehenden Mittel versuchte, der psychisch und physisch zerstörten Frau wieder Leben zu geben.

Nun ist sie zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter in der Obhut von Eugénie und ihren Mitarbeitern und erzählt Jo Küpperfahrenberg ihre Geschichte.

„Erst nach langen Minuten fand er die Kraft, sie nach dem Tod ihrer anderen Kinder zu fragen. Wie kann eine Mutter – mit welchen Mitteln auch immer – gezwungen werden, ihre eigenen Kinder zu töten? So ging es ihm immer wieder durch den Kopf. Unter Tränen schreiend machte sie es ihm vor. In Gesprächen mit Eugénie begann Jo Küpperfahrenberg zu begreifen: Kanyere Kahindo hat von Kindesbeinen an in einer Welt des Terrors und der Willkür gelebt. Vergewaltigungen und Tötungen sind an der Tagesordnung, werden als Kriegswaffe eingesetzt, nicht versteckt und heimlich, sondern öffentlich, auf der Straße, vor den Augen der Ehemänner und der Kinder.
„Strafen brauchen die Täter nicht zu befürchten“, sagt Christof Ruhmich, Programmkoordinator von Malteser International. „Sie bewegen sich quasi im gesetzlosen Raum – kongolesische Soldaten und Polizisten sind zum Teil selbst für Vergewaltigungen verantwortlich.“

In einer Gesellschaft, in der alle uns bekannten sozialen Ordnungssysteme versagen oder ins Gegenteil verkehrt sind, wo Polizei, Militär und Gerichtsbarkeit nicht schützen, sondern selber Täter sind, da zerbrechen alle Normen der Menschlichkeit.

Wie kann man da die Taten einer gequälten und verzweifelten Mutter bewerten?

Kurz nach der Rückkehr von Johannes Küpperfahrenberg haben die Rebellen Goma überrannt und eingenommen; die Armee hat kapituliert, tausende Blauhelmsoldaten waren machtlos.

Eugénie, ihre Mitarbeiter und Schützlinge haben überlebt.

Kanyere Kahindo starb am 7. Januar 2013 an den Spätfolgen ihrer schweren Verletzungen. Sie wurde 32 Jahre alt. Ihre Tochter lebt nun in Eugénies Initiative. Der Vater ist unbekannt. Sie ist das Kind einer früheren Gruppenvergewaltigung.

Jo Küpperfahrenberg:

„Nachdem ich den Kongo verlassen hatte und wieder in Ruanda war, war ich physisch vielleicht in Sicherheit, psychisch aber ist diese Reise nicht zu Ende. Die intensiven Begegnungen mit den Menschen und ihrem Leid bewegen mich noch jetzt, und die Bilder der geschilderten Ereignisse werden so schnell nicht aus meinem Kopf verschwinden. Ich bin von dem Engagement Eugénies und ihrer Mitarbeiter tief beeindruckt und habe mir vorgenommen, ihr nach Kräften zu helfen.“

Wie kann die Afrika-Hilfe-Stiftung helfen?

Wir können nicht HAFENIS als weiteres Projekt in unsere Arbeit mit aufnehmen. Dafür sind wir zu klein und Zweck und Ziel unserer Stiftung bleiben die Bedürftigen in der Diözese Butare / Ruanda.

Aber, wir können für Eugénies Initiative werben.

Johannes Küpperfahrenberg hat HAFENIS unserem Partner Misereor vorgestellt. Das Aachener Hilfswerk leitet Spenden, die der Afrika-Hilfe-Stiftung unter dem Stichwort „HAFENIS“ gemacht  werden, weiter, sichert die ordnungsgemäße Verwendung zu und stellt Spendenbescheinigungen aus.